Mit dem Boot zum Zahnarzt

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Abgeschnitten Leina und Kraßlau sind jetzt nur noch kleine Inseln in der Saale.

Die „Konrad Dannenberg“ fährt nicht sehr schnell. Das Boot des Technischen Hilfswerks (THW) wird von Matthias Bräutigam manövriert und an der Bugklappe halten Christian Faust und Hendrik Seefeld Ausschau nach Treibholz. Das könnte gefährlich werden, die Schraube zerstören oder schlimmeres.

Zwei Frauen und ein Mann wollen wieder zurück nach Leina, das zu Wengelsdorf gehört. Wegen eines Zahnes musste Kerstin Bürg zum Arzt und der hat ihn gezogen. Danach hat die 51-Jährige noch eingekauft, obwohl sie sich vor der großen Flut bevorratet hatte. Sie habe erst mal planmäßig zwei Tage frei, könnte dann vielleicht Überstunden abbummeln. Ihre Tochter freilich hat in diesen Tagen schulfrei. Die Altenpflegerin ist an der Saale aufgewachsen und hat mit dem Hochwasser leben gelernt. Hühner und Hunde hätten es da schwerer, weil ihnen der Auslauf fehle. „Aber wer hierher gezogen ist, weiß, was auf ihn zukommt“, sagt sie und trauert doch ein wenig ihren Goldfischen nach, deren Teich überflutet worden ist.

Daniel Brauer sieht die Situation ebenfalls gelassen. Problematisch sei es für alle, die nicht mehr genug Futter haben, weil sich Nutztiere ja unter normalen Umständen jetzt draußen selbst versorgen würden. Auch die Kartoffeln, die bei ihm zu Hause angebaut würden und mit denen man übers Jahr kommen wollte, könne man vergessen. Wie wahrscheinlich überhaupt das Gros von dem, was in Gärten oder auf kleinen Feldern gedeihen sollte. „Dass das Hochwasser solche Ausmaße annimmt, damit hatte keiner gerechnet“, sagt der 36-Jährige. Man sei aber darauf hingewiesen worden, rechtzeitig die Pkw aus den Orten zu fahren und später sei man vor der nahenden Flut gewarnt worden. Und gut wäre, dass man die Leute vom THW noch von vor zwei Jahren kenne. „Mit denen sind wir gut dran.“ Ansonsten halte man zusammen, rede miteinander und mache das Beste aus der Situation.

Bräutigam steuert das THW-Boot durch die schlammige Flut. Ein Graureiher ergreift die Flucht. Dann geht es durch ein Gehölz bis an den eingezäunten Rand des Reitplatzes von René Stahmann. Hier heißt es, in ein Schlauchboot umzusteigen. Faust und Seefeld helfen, Menschen und Taschen zu platzieren. Dann zieht einer von ihnen die Last die letzten Meter bis ans Ufer, das jetzt kurz vor dem Stall verläuft. Stahmann selbst rettet noch einige Liegestühle aus der Flut. 16 Pferde stünden normalerweise bei ihm, sagt der 41-Jährige, jetzt sind es noch zwei mehr, weil der Stall des Nachbarn bereits im Wasser steht. 15 Jahre lebt Stahmann inzwischen hier und sieht das Hochwasser gelassen. Sogar die Pferde können bei dem jetzt fehlenden Auslauf auf einem Laufband bewegt werden. Seine Tochter Vanessa geht in diesen Tagen nicht zur Schule, hilft, Hindernisse des Sprungparcours zu verstauen und den Stall auszumisten. Positiv sei, dass man in der Woche mal gemeinsam frühstücken, negativ, dass sie ihre Freunde nicht sehen könne, sagt sie.

Dann ruft auch schon Matthias Bräutigam, der zwischendurch mit dem Boot in Kraßlau war, um dringend benötigte Tabletten abzugeben. Christian Faust erzählt vom kalten Wasser und der Strömung, die beim Gang durch die Flut gegen die Beine gedrückt hat. Seit fünf Jahren ist er beim THW, hat sich wegen einer Arbeitsstelle gegen die Bundeswehr und für das Hilfswerk entschieden. Er sagt: „Man hilft Leuten und die sind dankbar.“

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