Bohren unter Vollnarkose

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in neues Zentrum im Neuköllner Vivantes Klinikum bietet jetzt an, schwer mehrfachbehinderte Menschen zahnärztlich zu behandeln. Bei ihnen ist eine Behandlung nur unter Vollnarkose möglich. Zahnarztpraxen lehnen das meist als zu risikoreich ab.

Hugh Ross ist 37 Jahre alt, er ist Autist, er hat epileptische Anfälle, er war lange nicht beim Zahnarzt. „Er lässt sich in den Mund gucken, aber mehr ist nicht möglich“, sagt sein Vater Douglas Ross. Sein Sohn könne die Zunge nicht beiseite nehmen, auch mache er nicht mehr mit, wenn der Zahnarzt sich etwa mit einem Bohrer nähere. Hugh Ross braucht eine Vollnarkose, wenn er zahnärztlich behandelt wird. Doch Zahnarztpraxen lehnen es wegen des hohen Risikos in Hugh Ross’ Fall ab, ihn zu betäuben.

Deshalb war Hugh Ross acht Jahre lang nicht in zahnärztlicher Behandlung, bis er wegen eines kariösen Backenzahns vor zwei Jahren zu dem Zahnarzt Matthias Viehoff im Vivantes Klinikum Neukölln kam. Viehoff arbeite damals in einer Grauzone. Die Voraussetzungen für seine Behandlungen im Klinikum waren nicht geregelt. Er wollte helfen.

Das kann er nun offiziell und von allen entscheidenden Stellen genehmigt tun: Am Mittwoch wurde im Vivantes Klinikum Neukölln das Zentrum für die zahnärztliche Versorgung schwer mehrfachbehinderter Menschen eröffnet. Und Matthias Viehoff, Facharzt für Mund- Kiefer- und Gesichtschirurgie, ist sein Leiter.

Einrichtung in Tempelhof schloss

Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sagte zur Eröffnung: „Ich freue mich, dass es uns gelungen ist, die bisher bestehende Versorgungslücke zu schließen.“ Er erinnerte daran, dass es bis zum Jahr 2005 eine ähnliche Einrichtung in Tempelhof gegeben hatte. Sie musste schließen, da der Bezirk Tempelhof-Schöneberg sie nicht länger finanzieren konnte. Seitdem war es für schwer mehrfachbehinderte Menschen ein Problem, sich zahnärztlich behandeln zu lassen. Eltern hätten nicht aufgehört, das zu beklagen. Ambulante Narkoseärzte, wie sie in den Zahnarztpraxen arbeiten, lehnten es wegen des hohen Risikos – oft liegen zum Beispiel Herzfehler oder Nierenerkrankungen vor – oft ab, sie zu betäuben.

Im Vivantes Klinikum Neukölln ist nun eine stationäre Aufnahme für ein bis zwei Tage möglich, die ein Zahnarzt von sich aus nicht einleiten darf. Die Möglichkeit einer stationären Aufnahme gab es deshalb bisher nicht. Das Land Berlin hat dem Klinikum Neukölln dafür zwei zusätzliche Betten bewilligt. Wenn man von einer Belegungsdauer von ein oder zwei Tagen ausgeht, können pro Jahr 400 Patienten stationär aufgenommen werden. Die Begleitung durch Pfleger oder Angehörige sei „unbedingt gewollt“, sagte Matthias Viehoff.

An der Finanzierung beteiligen sich die Kassenzahnärztliche Vereinigung und das Land Berlin. Berlin stellt 30.000 Euro zur Verfügung. Mit den Berliner Zahnarztpraxen, die ein spezielles Angebot für die Behandlung von Behinderten bei Vollnarkose haben, werde man eng zusammenarbeiten, kündigte Viehoff an. Wie viele mögliche Patienten es gibt, sei kaum zu beziffern, sagte er. Es gebe in Berlin aber allein rund 300 Heime für Alte und Behinderte.

Auch Renate Hoffmann, Mutter eines schwer mehrfachbehinderten Sohnes und Vertreterin der Spastikerhilfe e.V. kam am Mittwoch zur Eröffnung. „Ich freue mich außerordentlich“, sagt sie. „Es gibt jetzt ein bisschen mehr Vertrauen.“ Bei ihrem 35 Jahre alten Sohn könne nicht einmal eine Prophylaxebehandlung ohne Vollnarkose durchgeführt werden.

Bei ihm sei die Anästhesie zwar nicht so risikoreich, doch sie ärgerte sich in den vergangenen Jahren darüber, dass die Arztpraxen ihr eine Bettengebühr von 70 Euro abverlangten, und sie für die Narkose 100 Euro zahlen musste. Auch sei es für Familien wie die ihre sehr wichtig, eine zentrale Anlaufstelle zu haben. Eine besondere Freude für viele, die die Einrichtung in Tempelhof kannten, wird sein, dass der dort tätige Zahnarzt Erhard Templiner nun auch im Neuköllner Zentrum mitarbeitet.

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