Die Zahnflüsterer

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Das Aargauer Kleinunternehmen hat eine Flüssigkeit gegen Karies entwickelt. Diese soll das Bohren beim Zahnarzt überflüssig machen.Ein einzelnes, winziges Glasfläschchen und eine kleine weisse Tube nimmt Firmenchef Dominik Lysek aus dem Wandschrank. In dem Fläschchen und der Tube steckt der Kern von Credentis, einem Medizintechnik-Startup im Technopark Windisch.

Ein einfaches Schild weist auf die Büroräume der Firma hin. Dahinter befinden sich die Arbeitsplätze der vier Mitarbeitenden, ein Sitzungszimmer, eine Kaffeeküche – mehr nicht. Obwohl das Unternehmen unscheinbar ist, haben es seine Produkte in sich. «Unsere Firma basiert auf dieser Technologie», erklärt Lysek und hält das Fläschchen hoch. Darin befindet sich eine kleine Menge des Präparats Curo­dont Repair. Von Karies befallene Zähne können damit wiederhergestellt werden – und das ist eine kleine Sensation.

Der Arzt muss das Pulver im Fläschchen lediglich auflösen und auf die durch Karies beschädigte Stelle des Zahns auftragen. Nach drei bis sechs Monaten sollten dann die beschädigten Zähne wieder gesund sein – sie wachsen sozusagen von innen her nach. Ein Fläschchen Curodont Repair kostet 60 Franken. Für eine normale Kariesbehandlung, die meist mit schmerzhaftem Bohren verbunden ist, zahlt man schnell 200 bis 300 Franken.

«Es funktioniert», versichert Lysek. Das hätten mehrere Studien gezeigt. Also ist der Erfinder des Präparats bereits Multimillionär? Nein, er muss mit geliehenem Geld weiterarbeiten. Einen Grund für die noch zurückhaltende Aufnahme von Curodont Repair nennt Lysek selbst: Für seine Produkte brauche es nicht weniger als eine andere Denkweise, eine kleine Revolution in der Zahnmedizin, erklärt er. «Bis heute geht man bei Kariesbefall davon aus, dass man mit einer Füllung den ­kaputten Zahn zwar erhalten, nicht aber wiederherstellen kann.»

Neuer Halt für Kalzium

Für den promovierten Chemiker war das aber eine «etwas triste» Aussicht. Deshalb begeisterte ihn die Forschung der Universität Leeds, auf die er 2007 stiess. Damals arbeitete Lysek noch für die Firma Geistlich, ein weltweit führendes Unternehmen bei der natürlichen Regeneration von Knochen in der dentalen Implanto­logie. Die Wissenschafter aus Grossbri­tannien wollten mit intelligenten biolo­gischen Gerüsten Gewebe im Körper ­wiederaufbauen. Lysek sah das Potenzial dieser Technologie in der Kariesbehandlung und wollte daraus ein Produkt entwickeln. 2010 gründete er die Firma Credentis und machte sich auf Geldsuche. In ­einer ersten Finanzierungsrunde erhielt er 2,5 Millionen Franken von Banken und privaten ­Investoren und legte los.

Das Resultat der Bemühungen, Curodont Repair, besteht aus kleinen organischen Molekülen, die eine «intelligente Biomatrix» im Zahnschmelz aufbauen, wie Lysek erklärt. Diese führt Kalzium und Phosphat aus dem Speichel zu neuen ­Kristallen zusammen, wodurch sich neuer Schmelz bildet. Einziger Nachteil: Die ­Behandlung mit Lyseks Präparat ist nur in einem frühen Stadium von Kariesbefall möglich. Sobald «white spots», weisse Flecken im Schmelz, für den Zahnarzt oder die Dentalhygienikerin sichtbar sind, muss Curodont aufgetragen werden.

Diese neue Technologie gilt es nun, ­unter den Praktikern – den Zahnärzten – zu verbreiten. Viele von ihnen sind noch skeptisch, denn es liegen keine Studien über die Langzeitwirkungen von Curodont Repair vor. In der Schweiz wenden laut Lysek inzwischen 50 Zahnärzte das Mittel an. Seit 2012 ist es in der Schweiz zugelassen, seit Mai wird es vertrieben – auch in Deutschland.

Kundenbindung dank weniger Schmerz

«Die Zahnmediziner verdienen zwar mit Curodont Repair nicht zusätzliche Millionen, aber sie verlieren auch nichts», sagt Lysek. Stattdessen könnten sie mit dem Produkt leicht einen treuen Patientenstamm gewinnen. «Welchen Zahnarzt würden Sie wieder besuchen: Den, der bei früher Karies abwartet und später bohren muss, oder den, der Ihnen die Möglichkeit gibt, im frühen Stadium schmerzfrei mit Curodont behandelt zu werden und damit den natürlichen Zahn zu erhalten?» Im Moment steht für Credentis der Schweizer Markt im Zentrum. «In den kommenden Jahren ist aber auch eine US-Zulassung geplant», verrät Lysek. Und dann wartet da auch noch die «kleine Schwester» von ­Curodont Repair auf den Durchbruch, eine Paste mit dem Namen Curodont Protect. Das durchsichtige Zahngel lässt sich von Patienten selber mit dem Finger auf empfindliche Stellen am Zahn auftragen. Curodont Protect basiert auf der gleichen Technologie wie Curodont Repair – und verspricht ebenso viel: Es schützt die ­Zähne vor Säureangriffen, remineralisiert die Zahnsubstanz und pflegt die empfindlichen Stellen. Klingt fast wie ein weiteres Wundermittel aus dem Hause Credentis.

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