Intentiöse Eminenz statt medizinischer Evidenz: S2K-Leitlinie „Dentale digitale Volumentomographie“ der AWMF

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Die Dentale digitale Volumentomografie (DVT) ist
eine relativ neue bildgebende Technik, deren Indikationsstellung in
Anbetracht der im Vergleich zur konventionellen Röntgentechnik sehr stark
erhöhten Strahlenbelastung vor allem unter dem Aspekt des Strahlenschutzes
zu bewerten ist. Der Berufsverband der Allgemeinzahnärzte in Deutschland
e.V. (BVAZ) begrüßt die Ablösung der ungenügenden S1-Leitlinie, bedauert
aber gleichzeitig die Mängel der neuen s2k-Leitlinie, die erkennbar ihrem
Status – s2k = Konsens der Beteiligten – geschuldet sind. Von Evidenz (s2e,
s3) keine Spur, dagegen viel Eminenz.

„Der Unterschied zwischen der abstrakten Mehr-Information durch bildliche
Darstellung eines Situs’ und der medizinisch erforderlichen Mehr-Information
mit therapeutischer Konsequenz wird nicht mit der gebotenen Eindeutigkeit,
sondern allenfalls punktuell markiert“, stellt der Geschäftsführer des BVAZ
Dr. Dr. Rüdiger Osswald fest. Von der Faszination durch die vielen Bilder
ohne therapeutischen Nutzen seien die Verfasser offensichtlich nicht frei. Und
genauso offensichtlich sei ihnen wohl nicht bewusst, dass die Darstellung der
dritten Dimension das standardmäßige therapeutische Vorgehen bei bekannt
erhöhtem Risiko nur in Ausnahmefällen verändert (z.B. einige wenige untere
Weisheitszähne) oder ohne therapeutische Konsequenz ist (z.B. Qualität einer
Wurzelfüllung). Dass die DVT nach wie vor technisch nicht ausgereift sei, da
die Volumengröße mit der Folge der Ganz-Kopf-Bestrahlung nicht an die
meist eng begrenzte Fragestellung angepasst ist und die effektiven Dosen der
Geräte stark schwanken, sei, so Osswalds Kritik, den Verfassern nicht Grund
genug, die von der Industrie betriebene weite Verbreitung der Geräte in den
letzten Jahren und die Fehlanreize durch Verfügung über die Geräte durch die
Praxisinhaber in Frage zu stellen. Die in Anbetracht der erhöhten
Strahlenbelastung strengsten Anforderungen an die Indikationsstellung im
Einzelfall würden nicht annähernd geltend gemacht.
„Der angebliche therapeutische Nutzen der DVT z.B. im Bereich der
Endodontie ist nicht einmal ansatzweise plausibel – offensichtlich durften
Endodontologen mit DVT und/oder für die nüchterne fachliche Beurteilung
schädlicher Industrienähe den Passus einbringen“, moniert der Münchener
Allgemeinzahnarzt Osswald. Er begründet die Kritik des BVAZ mit – im
Vergleich zu anderen, gegenüber der Endodontie deutlich größeren
Fachbereichen – ausufernden, wissenschaftlich mehrheitlich unbegründeten
und zum Teil mühsam an den Haaren herbeigezogenen Indikationsstellungen,
wie beispielsweise Homogenität der Wurzelfüllung oder abgebrochene
Instrumente. „Das verzweifelte Bemühen, Gründe zu (er)finden, um ihre
teuer erworbenen und schnell veraltenden Geräte zu amortisieren, ist überall
identifizierbar“, so Osswald. Die Endodontologen wären besser beraten, dafür
Sorge zu tragen, „dass die bakterielle Endodontitis endlich indikationsgerecht
behandelt wird, anstatt die Einführung von neuem, genauso strahlen- wie
kostensintensivem technischem Gerät einzufordern, das – wie alle
technischen Innovationen der vergangenen 60 Jahre – die bescheidenen
Ergebnisse ihrer Bemühungen nicht verbessern wird“.
Die Leitlinie der Europäischen Kommission leistet mit wiederholten
Hinweisen zur klinischen Diagnostik und zur Strahlenbelastung insgesamt
deutlich mehr. Für den BVAZ fordert Osswald die Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) auf, die
Leitlinie erheblich zu korrigieren und stellt ihr die Frage, warum die Leitlinie
der Europäischen Kommission nicht übernommen wurde, und ob der Grund
dafür möglicherweise der sei, dass die Kommission keine industrienahen
Endodontologen beteiligt hat. Der BVAZ empfiehlt diese kluge europäische
Leitlinie allen Kolleginnen und Kollegen Allgemeinzahnärzten zur Lektüre
und als Richtschnur. Die Leitlinie steht im Internet zum Herunterladen unter
der folgenden URL zur Verfügung:
<http://www.sedentexct.eu/files/radiation_protection_172.pdf>

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