«da wurde nur gerade um die Zähne herum gereinigt, der Zahnstein ist jedoch in die Tiefe gewuchert»

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Die Patientin ging regelmässig beim Zahnarzt zur Dentalhygiene, seit den 90er-Jahren. Sie pflegte ihre Zähne vorbildlich und fühlte sich bei ihrer vermeintlichen Dentalhygienikerin gut aufgehoben und zahntechnisch in Sicherheit. Bis ihr der Zahnarzt eines Tages mitteilte, er müsse ihr sieben Zähne ziehen. Die Patientin fiel aus allen Wolken, konnte es nicht fassen. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich zuerst an den Kantonszahnarzt, der sie an das Prophylaxe-Zentrum Zürich verwies. Die Spezialisten in Parodontologie konnten der geschockten Frau sechs von sieben Zähnen retten.

«Kein Wunder», sagt Ulrich P. Saxer, Lehrbeauftragter für Parodontologie und Präventionszahnmedizin an der Universität Zürich, «da wurde nur gerade um die Zähne herum gereinigt, der Zahnstein ist jedoch in die Tiefe gewuchert.» Darum empfiehlt der Spezialist den Patienten, immer nach der Ausbildung der Fachperson zu fragen. Ist es eine Prophylaxeassistentin (PA), die gar nicht unter dem Zahnfleisch reinigen darf, oder ist es eine Dentalhygienikerin (DH), die dafür ausgebildet ist? Die unterschiedlich langen Ausbildungen schlagen sich im Preis nieder. Eine DH kostet weit mehr als eine PA.

Saxer ist überzeugt: «Es kommt nicht allzu selten vor, dass auch Schweizer Zahnärzte für ihre PA den DH-Tarif verrechnen.» Da habe der fehlbare Zahnarzt gleich zwei Vorteile: «Er zahlt weniger für die PA, und weil sie nicht so gut arbeitet wie eine DH, geht auch ihm die Arbeit nicht aus.»

Systematisches Training

«Schnellbleichen» wie bei Prophylaxeassistentinnen und deutschen Dentalhygienikerinnen, die teilweise nur zwischen einem und neun Monaten in einer zahnärztlichen Praxis ausgebildet werden, seien nicht vergleichbar mit Schweizer DH-Ausbildungen. Zahnärzte würden dieses Handwerk nicht lernen, weder bei uns noch in Deutschland. «Doch ohne systematisches Training», sagt Saxer, «kann man bei Parodontitis keine Erfolge erzielen.»

Die diplomierte Dentalhygienikerin Karina Prade merkt sofort, wenn die Vorgängerin nicht sauber gearbeitet hat und unter dem Zahnfleischsaum Zahnstein lagert. «Dort sieht man es am besten.» Je länger dieser Belag nicht entfernt werde, umso härter sei er – und umso gefährlicher für das umliegende Zahnfleisch und die Verbindungsfasern zwischen Zahn und Zahnfleisch. Liege der Zahnstein über längere Zeit auf der Zahnwurzel, würden diese Fasern zerstört und das Zahnfleisch schwinde – die Parodontose beginnt. Die nächste Phase ist der Knochenabbau. Die engagierte Dentalhygienikerin sieht den guten Ruf und die Qualitätsarbeit der Schweizer DH in Gefahr. «Die Arbeit der DH ist die Grundlage für die Arbeit des Zahnarztes.» Sie sichere gleichsam das Fundament, «denn keine Krone wird auf einem Zahn eingesetzt, der wackelt. Je besser die DH und die Mitarbeit des Patienten, desto länger halten die Zähne.»

Aber was, wenn die DH gar keine DH ist? Dann kann die unsachgemässe Behandlung üble Folgen haben: «Jahrelang fühlt sich der Patient in Sicherheit und gut aufgehoben, und plötzlich wackeln seine Zähne», sagt Karina Prade. Eine PA dürfe nie anstelle einer DH eingesetzt werden. Doch wer überprüft das? Brigitte Schöneich, diplomierte Dentalhygienikerin aus Adliswil, weiss: «PA werden nicht immer als PA abgerechnet.» Eine Meldepflicht für Zahnärzte über die Anstellungen und Ausbildungen ihres Zahnpflegepersonals gibt es nicht.

Wie oft PA an unwissenden Patientinnen und Patienten Dentalhygienebehandlungen ausführen, bleibt deshalb unklar. Die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) sagt, ihr sei «kein Fall einer Irreführung des Patienten bekannt». Wenn ein Zahnarzt eine PA als DH «verkaufe», mache er sich überdies strafbar. «Und er riskiert seine Praxisbewilligung beziehungsweise die SSO-Mitgliedschaft», sagt Felix Adank, Mediensprecher der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft.

Falsche Abrechnungen

Doch Fälle falscher Behandlungen sind offenbar keine Seltenheit. Der Kantonszahnärztin Teresa Leisebach sind Zahnärzte bekannt, die PA-Leistungen als DH-Behandlungen abgerechnet haben. Eine Statistik existiert aber nicht.

Wie könnte man die Situation verbessern? Ulrich P. Saxer: «Dringend nötig ist eine Meldepflicht und eine klare transparente Information über die Ausbildung der behandelnden Prophylaxe-Fachfrau in jeder Zahnarztpraxis.» Bis dahin sind die Behörden auf Rückmeldungen von Patienten und auf Stichproben angewiesen. «Wir kontrollieren bei Praxisvisitationen die Qualifikationen der Angestellten, überprüfen die Auskündigungen auf Websites und abgerechnete Leistungen», sagt Kantonszahnärztin Leisebach. Wo irreführende Behandlungen angeboten oder abgerechnet würden, werde der Zahnarzt «aufsichtsrechtlich belangt». Will der Patient auf der sicheren Seite sein, bleibt ihm nur eins: sich selber zu informieren. Leisebach empfiehlt, sich vor der ersten Behandlung stets zu erkundigen: «Erfolgt die Zahnreinigung durch eine ausgebildete DH oder durch eine PA?» Und anschliessend unbedingt die Rechnung kontrollieren. (Tages-Anzeiger

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