“Ein honetter Mann, der was gelernt hat, kann kein Zahnarzt werden”

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Die Vorurteile sind tief verwurzelt, und das schon lange. “Ein honetter Mann, der was gelernt hat, kann kein Zahnarzt werden”, sagte der junge Mediziner Moriz Heider einst zu Georg Carabelli. Der war Leibzahnarzt des Kaisers, wurde von diesem geadelt und hatte seine Ordination an bester Adresse, gleich neben dem Stephansdom. Trotzdem weigerte sich Heider zunächst, sein Assistent zu werden, und willigte später nur ein, weil er sonst keine Stelle fand. Sein Lehrmeister starb sechs Monate darauf, Heider erbte im Jahr 1842 dessen Lebenswerk und musste große Fußstapfen füllen. Carabelli war damals der Erste, der an einer Wiener Universität Vorlesungen über “Zahnarzneykunde” hielt.Mehr ein Handwerk
“Das war so, wie wenn heute ein Tischler Vorlesungen halten würde”, sagt Johannes Kirchner, Leiter des Zahnmuseums in der Sensengasse. Carabelli und Heider etablierten die Zahnheilkunde in Wien, mit ihren Sammlungen legten sie auch den Grundstein des heutigen Museums. Zuvor wurde sie “über viele Jahrhunderte von denen durchgeführt, die genug Kraft hatten und einen Zahn herausreißen konnten”. Keine Ärzte, sondern Bader, Barbiere und Scharlatane zogen Zähne. “Es war keine Sache von Gelehrten, sondern mehr ein Handwerk”, erzählt Kirchner. Erst Heider gründete den Verein der Zahnärzte und setzte sich für ihre vollmedizinische Ausbildung ein.

Die Angst vor dem Zahnarzt hat trotzdem alle Veränderungen überdauert. Wer durch das Museum spaziert, hat zunächst nicht viel Grund, sie aufzugeben; höchstens das Gefühl, dass es immerhin besser geworden ist. Eines der ersten Exponate ist das Glüheisen, das von den ersten Zahnärzten benutzt wurde, um bei Wurzelbehandlungen die Nerven auszubrennen – und oft auch gleich einen Teil der Mundhöhle. Es folgen erste Bohrer, alte Zahnarztstühle, deformierte Wurzelzähne und Moulagen (bemalte Gips- oder Wachsmodelle) von Zahnkrankheiten.

Es ist der 57-jährige Kirchner mit dem grau melierten Vollbart, der doch noch Sympathie für seinen Berufsstand weckt – wenn auch nicht für alle Kollegen: “Heute wird nicht mehr viel mit Herz gemacht. Vielen geht es nur ums Geld. Zahnheilkunde muss man aber mit einer gewissen Verve machen, mit einer gewissen Empathie, man muss sich um die Patienten kümmern. Das Schönste ist es, wenn ein Kind weinend zur Tür hereinkommt und lachend wieder rausgeht. Da habe ich das Gefühl, einen Dienst an der Menschheit geleistet zu haben.” Dafür mag er Eltern nicht, die ihren Kinder sagen, es werde schon nicht wehtun: “Da werd ich immer bös’: ,Wieso versprechen Sie, was ich halten muss?‘ Ich sag den Leuten umgekehrt immer, dass es mehr wehtun wird, als es dann wirklich wehtut.” weiter

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