Praxisschwund auf dem Land

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Mit 83 immer noch Vollzeit arbeiten? Das könnte sich kaum jemand vorstellen. Aber das muss chon einen Grund haben, wenn jemand in diesem Alter noch täglich zur Arbeit geht. Auch der Mediziner Dr. Gottfried Hagitte war eigentlich schon 15 Jahre im Ruhestand. Doch in seiner früheren Gemeinschaftspraxis in Bischofsheim an der Rhön erkrankte ein Arzt und fiel plötzlich aus. Dr. Hagitte suchte einen Nachfolger. Doch alle Ausschreibungen und Annoncen blieben ergebnislos. Einzige Möglichkeit: Der 83-jährige Arzt muss selbst wieder praktizieren. Kaum ein junger Arzt will in der Provinz arbeiten. Die meisten Studenten sehen das Landarztdasein eher kritisch. Gründe dafür gibt es viele: Während die Operationssäle an den Hochschulen mit modernster Technik arbeiten, ist eine allgemeinärztliche Praxis auf dem Lande für viele Mediziner ein Schritt zurück. Zudem habe gerade die Allgemeinmedizin keinen guten Ruf: “Dann kommt in der Vorlesung das Beispiel ‘Stellen Sie sich vor, sie sind Landarzt…’. Und dann geht ein Raunen durch den Hörsaal. Klar, das ist keine gute Werbung für die Landärzte“, sagt die Medizinstudentin Katharina Schuh. Ein weiterer Aspekt: Vielfach ist der Partner ebenfalls Akademiker und hat seine Chancen in der Stadt. “Und man setzt mehr auf Freizeit”, ergänzt Dr. Hagitte. “Man möchte nicht mehr am Wochenende und immer ansprechbar sein.”

Demografischer Wandel verstärkt den Bedarf

Dr. Hagitte hat keine Wahl. Die Praxis in Bischofsheim muss mittlerweile 3500 Patienten bewältigen, denn in der ländlichen Region fehlen überall Ärzte. “Früher hätte man gesagt: Na, dann geh’ ich eben zu einem anderen Doktor. Aber es sind keine da“, so der betagte Arzt. Den Praxisschwund auf dem Land bestätigt auch eine aktuelle Studie der kassenärztlichen Vereinigung und der Bezirksregierung Unterfranken, wonach Patienten auf dem Land bis zu 25 Kilometer bis zum nächsten Arzt fahren müssen.

Der demografische Wandel verstärkt das Problem. Ein Blick in die Statistik des Bundesgesundheitsministeriums zeigt: Im Jahr 2000 waren in Deutschland nur etwa 14.000 niedergelassene Ärzte 60 Jahre und älter. 2010 waren es schon über 26.000 – ein Anstieg von 81 Prozent.

Stipendien für den Kompromiss mit dem Land

Um jungen Ärzten einen Anreiz zu bieten, geht der Hochsauerlandkreis neue Wege: Unter dem Titel “Dr. Job” zahlt die Region Medizinstudenten und angehenden Ärzten 500 Euro im Monat, wenn sich die Stipendiaten im Gegenzug verpflichten, sich für mindestens vier Jahre als Arzt in der Region zu arbeiten. Das Projekt startete 2012; jährlich werden fünf Stipendien vergeben. Katharina Schuh ist die erste angehende Medizinerin, die das Stipendium angenommen hat. Sie kommt selbst aus dem Sauerland. Dennoch: “Ich glaube ohne das Stipendium hätte ich mich nicht dazu entschieden direkt nach dem Studium ins Sauerland zurück zu kommen. Es ist ein finanzieller Anreiz und letztendlich ein guter Deal.“ Einen ähnlichen Deal bietet auch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe: Wer als Medizinstudent im Praktischen Jahr ein mehrwöchiges Praktikum in einer Landarztpraxis absolviert, erhält bis zu 2400 Euro pro Vierteljahr.

Bis die Stipendien fächendeckend Früchte tragen, werden noch Hunderte allgemeinärztliche Praxen geschlossen werden müssen: Vom Kreis Borken bis zum Hochsauerlandkreis fehlen aktuell bis zu 32 Ärzte pro Kreis. Laut Kassenärztlicher Vereinigung in Nordrhein-Westfalen sind das derzeit 368 fehlende Landärzte. Experten des Bundesgesundheitsministeriums schätzen, dass bis 2020 über 7.000 Land-Ärzte in Deutschland fehlen werden.

Die Not ist groß. So groß, dass es in Bischofsheim an der Rhön nicht ohne den 83-jährigen Dr. Hagitte geht. Der betagte Landarzt wird in der Praxis gebraucht, bei Hausbesuchen und für Urlaubsvertretungen. Jede Woche bewältigt er über 30 Stunden Arbeit. “Man merkt, dass man nicht mehr so fit ist, aber noch geht es ganz gut.”

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