Geraldo kämpft mit der Zuckerfee

by

wistringen. Er ist wieder zurück. Aus Brasilien. Dort hat der Twistringer Zahnarzt Dr. Gerhard Kanne den Lütten einmal mehr gezeigt, wie wichtig es doch ist, regelmäßig seine Zähne zu putzen. Gar nicht so einfach, handelt es sich doch bei Brasilien um „das süßeste Land Südamerikas“, wie der 50-jährige Dentist sagt. Wie er es doch geschafft hat, die Zuckerberge aus Kaffee, Milch und Fruchtsäften zu verbannen, erzählt der frisch gebackene Twistringer Unternehmer des Jahres.

„Sie haben Spuren hinterlassen“ – als Dr. Gerhard Kanne diesen Satz von einer brasilianischen Ordensschwester gehört hat, wusste er, dass er alles richtig gemacht hat. Heute würden die Kinder von Carpina mittags mit ihren Zahnbürsten über die Schulflure laufen, erzählt der 50-jährige Oldenburger, der an der Twistringen Brunnenstraße gemeinsam mit Jochen Passe-Tietjen eine Gemeinschaftspraxis betreibt. In seinem Urlaub leistet Kanne schon seit Jahren regelmäßig zahnärztliche Entwicklungshilfe – ehrenamtlich wohlgemerkt. Meist ausgestattet mit einem „großen Koffer Materialspenden“, gestiftet von der deutschen Dental-Industrie. 16 Einsätze hat er insgesamt hinter sich. „Ich war unter anderem schon in Kolumbien, Ecuador, Kenia und Indien“, berichtet der Vater einer Tochter von seinen spannenden Reisen rund um den Globus.

Dass seine Zahnarztpraxis nun zum Twistringer Unternehmen des Jahres gekürt wurde, hat er ganz nebenbei per E-Mail erfahren. Weil der Doktor, wie bereits erwähnt, zu diesem Zeitpunkt noch in Brasilien weilte. Der Twistringer Diamant hat aber mittlerweile einen Ehrenplatz im Wartezimmer der Gemeinschaftspraxis bekommen. „Ich habe mich sehr über diese Auszeichnung gefreut“, sagt Dr. Gerhard Kanne. Er betont, dass sein Kollege Jochen Passe-Tietjen die Ehrung beim Twistringer Frühlingsempfang stellvertretend für das gesamte Team in Empfang genommen hat. In den Praxisräumen an der Twistringer Brunnenstraße finden auch regelmäßig Kunstausstellungen statt. „Regina Bavendiek ist unsere Veranstaltungsmanagerin“, lobt der Chef das Engagement seiner Mitarbeiter. Darüber hinaus ist Dr. Kanne auch Vize-Chef des Mundhygiene-Vereins für den nördlichen Landkreis Diepholz. Der Verein bietet Gruppen-Prophylaxen in Kindergärten und Schulen an.

„Bei meinem Einsatz in Brasilien hatte ich keine Helferin dabei. Da musste ich alles alleine machen, beispielsweise Zement anrühren“, erklärt der Zahnarzt, warum die Behandlungen in Brasilien vier Mal solange dauern wie in seiner Twistringer Praxis. Unter den „widrigsten Umständen“ praktiziert er in Carpina. „Daran, dass das Wasser am Bohrer nicht funktioniert und der Sauger kaputt ist, habe ich mich inzwischen schon gewöhnt“, so der Dentist. Carpina liegt im Norden Brasiliens, in der Nähe von Recife. In dem Kloster befinden sich nicht nur eine Schule und ein Kindergarten, sondern eben auch ein Behandlungszimmer für Zahnärzte. Seit 2011 gehört Dr. Gerhard Kanne nun schon dem Verein Zahnärztliches Hilfsprojekt Brasilien an. „Wenn ich von Recife nach Carpina fahre, komme ich immer an der Arena Pernambuco vorbei. Ein bombastisches Stadion, das extra für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 gebaut wurde“, schildert Kanne seine Impressionen.

Drei Mal hat er schon zahnärztliche Entwicklungshilfe in Brasilien geleistet, 2011, 2012 und eben jetzt im Winter 2014.Weil Brasilien nun mal das „süßeste Land Brasiliens“ sei, die Mädchen und Jungen dort selbst ihre Milch mit Zucker trinken würden, hätten die Zähne der Kinder aus den Favelas vor einigen Jahren auch noch dementsprechend ausgesehen. „Karies ohne Ende, überall nur braune Stumpen statt gesunden Milchzähnen“, erzählt der 50-jährige Zahnarzt. Wegen ihrer akuten Parodontitis hätten die Kinder von Carpina beim Zähneputzen oftmals sofort Blut gespuckt.

Im Laufe der Zeit sei es ihm aber gelungen, die brasilianischen Kinder davon zu überzeugen, dass Kaffee und Fruchtsäfte auch ungesüßt gar nicht mal so übel schmecken würden. Seine Bemühungen hätten inzwischen Früchte getragen, die Kindern wüssten mittlerweile, wie wichtig es ist, sich nach jeder Mahlzeit die Zähne zu putzen. Es scheint, als ob Geraldo, wie er von den brasilianischen Kindern liebevoll genannt wird, den zähen Kampf mit der süßen Zuckerfee langsam gewinnt. Zugute kommt ihm bei seinen Einsätzen natürlich auch, dass er fließend brasilianisches Portugiesisch spricht. „Habe ich von einer Brasilianerin bei der Volkshochschule in Weyhe gelernt“, erzählt der Zahnmediziner. Und ergänzt: „Mit dem Portugiesisch, was im Mutterland Portugal gesprochen wird, kann ich mir auf dem Flughafen in Brasilien noch nicht einmal einen Kaffee bestellen.“ Er ist froh, dass er die Kinder von Carpina in ihrer Muttersprache trösten, ihnen die Angst vor dem Bohrer nehmen kann. „Nicht umsonst habe ich damals meine Doktorarbeit über das Thema Kinderangst vorm Zahnarzt geschrieben“, erzählt Dr. Gerhard Kanne mit einem Augenzwinkern.

Er möchte nun mal die Welt ein kleines bisschen nachhaltig verändern, etwas hinterlassen, das bleibt, beschreibt der Mediziner seine Motivation, immer wieder freiwillig zahnärztliche Entwicklungshilfe zu leisten. „Die brasilianischen Mädchen bekommen irgendwann selber wieder Kinder. Wenn sie denen dann beibringen, wie wichtig doch Zähneputzen ist, habe ich erreicht, was ich wollte“, sagt der Mann, der den Kindern aus den Favelas Stück für Stück ein strahlendes Zahnpasta-Lächeln schenkt.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s


%d bloggers like this: