Billig statt günstig: Pfusch-Zahnärzte betrügen ihre Patienten

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Sie wollen möglichst schnell viel Geld machen und hauen dann ab: Unter den Billig-Zahnärzten aus dem Ausland sind viele schwarze Schafe. Jetzt wird die Politik aktiv.

Anna M.* ist noch immer wütend: Die Tessinerin wurde vor Kurzem von einem ausländischen Zahnarzt über den Tisch gezogen. Sie ging bei ihm zur Routine-Kontrolle und dieser behauptete, ein dringender Eingriff sei nötig. «Ich hatte keine Schmerzen, doch er war sehr bestimmt», sagt M. zu 20 Minuti. Kurz darauf lag sie auf dem Zahnarztstuhl.

Doch die Qualität des Eingriffs war ungenügend. Noch Tage danach fühlte sich M. schlecht und ging erneut zum Zahnarzt. «Doch in der Praxis wusste niemand, wo er ist.» Schliesslich ging M. zu ihrem früheren Zahnarzt. Dieser musste die Arbeit seines Kollegen aus Italien ausbügeln. Sein Fazit: Der erste Eingriff sei absolut unnötig gewesen.

Solche Pfusch-Fälle werden häufiger. Die Stiftung für Patientenschutz (SPO) musste letztes Jahr sogar extra eine zweite Expertin anstellen, weil sich so viele Schweizer mit Zahnarzt-Problemen melden. Allein im Kanton St. Gallen wurde gemäss dem Leiter des Rechtdientes seit 2009 zehn ausländischen Zahnärzten die Berufsausübungsbewilligung entzogen.

Doppelt so viele ausländische Diplome

«Das ist ein Riesenproblem, das leider immer gravierender wird», sagt SPO-Präsidentin Margrit Kessler. «Ein Teil der wandernden Zahnärzte will in der Schweiz einfach möglichst viel Geld machen und verschwindet dann zurück in die Heimat.» Der Patient hat das Nachsehen, wenn nicht alles perfekt gelaufen ist.

Durch die Personenfreizügigkeit können Zahnärzte aus der EU seit 2004 in der Schweiz Kunden behandeln. Bis Ende 2013 haben laut dem Innendepartement 3188 ausländische Zahnärzte ihr Diplom beim Bundesamt für Gesundheit anerkennen lassen. Tendenz steigend: Letzes Jahr waren es 434 gewesen – fast doppelt so viele wie noch 2009. Die meisten stammen aus Italien, gefolgt von Deutschland und Frankreich. Doch auch Zahnärzte aus Portugal oder Rumänien wollen in der Schweiz arbeiten.

Vor allem Gruppenpraxen in der Kritik

Viele von ihnen mieten sich laut Kessler in grössere Gruppenpraxen ein. Für 90 Tage pro Jahr können sie ohne Bewilligung in der Schweiz praktizieren – und bieten ihre Dienste oft billiger an als die Einheimischen. «Gegenüber diesen sind wir sehr kritisch», heisst es bei der Zahnärztegesellschaft SSO. «Es ist sehr wichtig, dass zwischen dem Zahnarzt und dem Patienten eine Vertrauensbeziehung besteht. Dies ist mit wandernden Zahnmedizinern nicht möglich.» Es gibt auch eine unbekannte Zahl an Pfusch-Zahnärzten: «Wir wissen von Patienten, dass es zu gewissen Gruppenpraxen auffallend viele Beschwerden gibt», sagt Michael von Arx, Geschäftsführer von Zahnarztvergleich.ch.

Ein Blick auf die Daten des Portals zeigt, dass sich auffallend viele Gruppenpraxen nicht von den Patienten bewerten lassen wollen. Von Arx will das nicht kommentieren, sagt aber: «Das Anreizsystem ist grundsätzlich falsch: Wenn ein Zahnarzt nicht lange in der Schweiz arbeiten kann und in kurzer Zeit möglichst viel Geld für Lohn und Miete reinholen muss, ist seine Arbeit nicht auf Nachhaltigkeit ausgerichtet.»

Schweiz hat eher zu viele Zahnärzte

Laut Kessler ist das Hauptproblem, dass nicht alle ausländischen Zahnärzte zur Rechenschaft gezogen werden können. Von Gesetzes wegen ist nicht zwingend eine Berufshaftpflichtversicherung erforderlich. «Wenn sie Fehler machen oder pfuschen, muss deshalb am Ende der Patient selbst dafür bezahlen.» Dies müsse sich ändern, fordert die GLP-Nationalrätin. Derzeit formuliert sie einen Vorstoss, um das auf nationaler Ebene gesetzlich zu regeln.

Angewiesen ist die Schweiz auf die ausländischen Zahnärzte jedenfalls nicht: Derzeit gibt es sogar eher zu viele. Der Bestand ist innert 20 Jahren um ein Fünftel gewachsen.

*Name geändert

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