Entspannt auf dem Zahnarztstuhl

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Ganz ruhig im Behandlungsstuhl beim Zahnarzt liegen – das gibt es doch gar nicht? Gibt es doch: mit der Lachgasbehandlung. Immer mehr Zahnärzte entdecken diese uralte, nebenwirkungsarme Sedierungsmethode neu. Bela hat eigentlich gar keine Angst vorm Zahnarzt. Doch der heutige Termin hat es in sich und erfordert Geduld von dem Achtjährigen: Sechs Backenzähne sollen versiegelt werden, vorher müssen Kariesflecken weg. Ohne Bohren wird’s nicht gehen. Zahnarzt Björn Clamors aus Blomberg schlägt eine Behandlung unter Lachgas vor: “Schließlich soll der junge Mann ja keine Zahnarztphobie entwickeln.”Weil Lachgas praktisch keine Nebenwirkungen hat – in seltenen Fällen können Schwindel oder Übelkeit auftreten -, eignet sich die Methode auch für Kinder. Die Hauptzielgruppe sind laut Clamors allerdings eher erwachsene Angstpatienten. Seit zwei Monaten setzt der Arzt aus Blomberg (Kreis Lippe) die Lachgasbehandlung in seiner Gemeinschaftspraxis ein, etwa 20 Patienten hat er damit bislang behandelt – mit bestem Erfolg: “Selbst diejenigen, die aus Furcht schon seit Jahren nicht mehr in der Praxis waren, sind begeistert.”

Noch ist es kostenlos, das “Schnupperangebot” im wahrsten Wortsinn. Künftig müssen Patienten ein bis zwei Euro pro Behandlungsminute bezahlen – ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass eine Vollnarkose mehrere hundert Euro kosten würde und die in der Regel beim Zahnarzt auch nicht von der Kasse übernommen werden.

Das Gas kommt, gemischt mit reinem Sauerstoff, aus einem weißen Kasten hinter dem Behandlungsstuhl, die Konzen-tration kann der Zahnarzt dort individuell einstellen – bis zu maximal 70 Prozent wird die Atemluft mit Gas gesättigt. Clamors reicht dem kleinen Patienten die Nasenmaske und erklärt: “Die muss so gut sitzen, dass du ganz ruhig durch die Nase atmen kannst.” Begonnen wird mit einer 100-prozentigen Sauerstoffzufuhr, dann kommt das Lachgas dazu: Zunächst 30 Prozent, dann pendelt sich die Dosis bei etwa 50 Prozent ein. “Die Dosis ist bei jedem Patienten anders und auch von der Tagesform abhängig”, erläutert Clamors, der die Behandlungsmethode in einer zehnstündigen Fortbildung kennengelernt hat. Bevor er den “Lachgas-Führerschein” bekam, hat er auch einen Selbstversuch gemacht. Die Begeisterung vieler Patienten kann er verstehen: “Es ist wirklich so – ich war total tiefenentspannt.”

Das ist Bela inzwischen auch. Er atmet ruhig, sein Puls wird ständig kontrolliert. Während der Zahnarzt fast eine halbe Stunde lang braune Kariesstellen mit dem Bohrer entfernt und die Zähne anschließend versiegelt, gibt es kein Jammern, noch nicht mal ein Zucken: “Das Lachgas wirkt auch leicht schmerzdämpfend”, erläutert Clamors. Größere Eingriffe erfordern dennoch eine Lokalanästhesie. Aber selbst die Spritze lassen Angstpatienten jetzt ruhig über sich ergehen.

Das hat sich nicht nur bei Zahnärzten herumgesprochen: Auch manche Rettungswagen haben inzwischen Lachgas an Bord, einige Kliniken bieten die Methode in Kreißsälen an, um den Wehenschmerz zu lindern.

Bela bleibt trotz der Sedierung die ganze Zeit ansprechbar: “Geht es dir gut?”, fragt der Mediziner ein ums andere Mal. Der Achtjährige nickt und wirkt ganz ruhig – bis die Behandlung beendet ist: Nach einer minutenlangen reinen Sauerstoffgabe sind selbst die kleinsten Lachgasdepots im Körper wieder ausgewaschen, er ist wieder komplett bei sich. Und natürlich ganz von seiner Tapferkeit überzeugt: “Von dem Lachgas hab ich nix gemerkt, es hat schon weh getan, aber ich lass mir das ja nicht anmerken”, sagt er im Brustton der Überzeugung. Auch gut. Hauptsache, er behält den Zahnarzt in guter Erinnerung.

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