Jedoch: In der Schweiz hat die Branche die besten Jahre hinter sich. «Ich setze heute zwischen 40 und 50 Implantate pro Jahr, vor fünfzehn Jahren waren es rund 100», sagt Zahnarzt Rolf Hess. Auf diesem Niveau halten sich die Zahlen seit mehreren Jahren stabil. Und von seinen Berufskollegen im städtischen Umfeld höre er Ähnliches, so der Thurgauer mit einer Landpraxis in Amriswil TG.

Hess hat dreissig Jahre Praxiserfahrung mit Implantaten. Er setze zwar keine Nobel-Biocare-Implantate, sondern Produkte vom grossen Schweizer Konkurrenten Straumann. Doch aus Patienten-Sicht spiele das eigentlich keine grosse Rolle. «Die Implantate ähneln sich qualitativ alle recht stark, auch weil sie ja alle die gleichen Prüfungen durchlaufen müssen», so der Zahnarzt im Gespräch weiter.

Schraube rein, Krone drauf

Aufgekommen sind die ersten Implantate hierzulande in den Achtzigerjahren. Das Prinzip ist das gleiche, damals, wie heute: Der Zahnarzt bohrt ein Loch in den Kieferknochen und dreht eine titanbeschichtete Schraube – das eigentliche Implantat – rein. «Der Vorteil an Titan ist, dass es sofort oxidiert und sogenanntes Titanoxid bildet, das der Körper als Keramik anschaut», erklärt Hess. So wächst der Knochen direkt an die Schraube und das Implantat wird perfekt fixiert. Dann kommt die Krone drauf und die Zahnrestauration ist abgeschlossen.

Das funktioniert offenbar so gut, dass den Zahnärzten die Arbeit ausbleibt. «Vor zehn Jahren haben wir sehr viele Implantate gesetzt, und die halten so gut, dass wir nur wenige ersetzen müssen», so Hess. Allerdings betont er auch, dass dank der Weiterentwicklung der Technologie Patienten und Ärzte heute mehr Möglichkeiten hätten. Vor allem dank der Knochenergänzung, die man in Fachjargon Knochenaugmentation nennt.

Ursprünglich hatte man Implantate vor allem in Unterkiefer eingesetzt. Nicht zuletzt deswegen, weil der Mensch dort dickere Knochenschichten hat als im Oberkiefer. Dort sind die Schichten mitunter so dünn, dass keine künstlichen Zähne eingesetzt werden können.

Geändert hat sich das mit der Knochenaugmentation: Dank ihr konnten Implantate plötzlich auch an Stellen mit nur zwei Millimeter Knochen angebracht werden. Man musste zuvor einfach ein paar Millimeter Knochen aufbauen. «Diese neue Behandlungsart hatte vor zehn Jahren in der Schweiz einen richtigen Implantate-Boom ausgelöst», erinnert sich Hess.

Pionierland Schweiz

Dass die Schweiz mit Nobel Biocare und Straumann zwei der Weltmarktführer beheimatet, hält er für keinen Zufall. «Die Schweiz war bei der Entwicklung von Zahnimplantaten an vorderster Front dabei», so Hess. Treibende Kraft der Schweizer-Implantateforschung war der Berner Zahnarzt und Implantologe Philipp Ledermann. Er hatte Ende der Siebzigerjahre die Ledermann-Schraube entwickelt: «Erste Vorstellung der Ledermann-Schraube aus Titan für die sofortstegprothetische Versorgung des zahnlosen atrophierten Unterkiefers», so der Titel der entsprechenden Publikation.

Neben Ledermann war auch das 1980 gegründete International Team for Implantology (ITI) der Universitäten Basel, Bern und Freiburg wichtig. In diesem Umfeld hat man wichtige Grundlagenforschung betrieben. «Ledermanns Schrauben haben den allgemeinen Zahnärzten wie mir sehr viel gebracht», würdigt heute Hess seinen Berner Kollegen. Dabei war Ledermann nicht nur ein Forscher, sondern profilierte sich auch unternehmerisch, unter anderem kooperierte er mit Straumann und Mathys.

Im Moment bringe die Weiterentwicklung vor allem technische Verbesserungen, etwa durch Einsatz von computergestützten Behandlungsmethoden. «Implantate kann man heute fast überall einsetzen», so Hess.

Einen neuen Boom erwartet Hess nicht. Nicht zuletzt wegen einer besseren Prophylaxe. «Ein Mensch mit Jahrgang 1950 hatte vielleicht noch 20 Löcher, heute haben viele jungen Menschen gar keine Löcher mehr», so der Zahnarzt. Sie seien eher bereit ein teures Implantat zu zahlen, weil damit, im Unterschied zu einer herkömmlichen Brücke, die angrenzenden Zähne nicht verletzt würden.

Apropos Zahlen: Die Preise für ein Zahnimplantat sind heute teuerungsbereinigt in etwa gleich hoch wie vor 30 Jahren. Die Materialkosten für Implantate machen mit 200 bis 450 Franken nur einen Bruchteil der Gesamtkosten einer Behandlung von 4000 bis 5000 Franken aus. Das Teure ist die Arbeit des Zahnarztes.