Gesichter der Stadt: Tobias Steltner hat ehrenamtlich als Zahnarzt in dem ostafrikanischen Land gearbeitet Ein Bremer in Tansania

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Tobias Steltner © Privat

Tobias Steltner mit einem jungen Patienten in dem tansanischen Krankenhaus. (Privat)


Sieben Wochen hat Tobias Steltner ehrenamtlich in einem Krankenhaus der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Tansania als Zahnarzt gearbeitet. Es liegt in Ndolage im Nordwesten des Landes, in der Kageraregion. Das Krankenhaus ist die zentrale Anlaufstelle für den gesamten Landstrich. Die medizinische Versorgung dort ist schlecht. Viele Menschen gehen mit Krankheiten zuerst zu einem Heiler in ihrem Dorf. Erst wenn Schmerzen und Beschwerden so groß sind, dass sie es nicht mehr aushalten, kommen sie ins Krankenhaus. „Dafür sind sie oft bis zu 60 Kilometer zu Fuß unterwegs“, erzählt der Bremer.

Das Besondere an der Klinik, die in den 1920er Jahren von einem deutschen Arzt gegründet wurde: Es gibt einen Raum, der als Zahnarztpraxis dient. Steltner „Allerdings darf man sich das keinesfalls wie eine Praxis in Deutschland vorstellen. Dort steht ein Behandlungsstuhl, es gibt Instrumente, alles ist sehr einfach.“ Aber für die Menschen ist sie eine große Hilfe.

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Tobias Steltner mit einem jungen Patienten in dem tansanischen Krankenhaus.

Morgens um acht Uhr, wenn die Praxis öffnet, ist das „Wartezimmer“ schon überfüllt. Die Menschen warten draußen vor der Klinik darauf, dass sie endlich von ihren Schmerzen erlöst werden. „Was man dort als Zahnarzt teilweise zu sehen bekommt, gibt es bei uns fast gar nicht mehr“, sagt Steltner. Große Abszesse, Eiteransammlungen, die sogar lebensgefährlich werden können. „Ein Patient ist an einem solchen Abszess gestorben, weil sich die Infektion im Körper ausgebreitet und eine Blutvergiftung ausgelöst hat.“

Viele können sich den Zahnarztbesuch nicht leisten. Das Ziehen eines Zahns kostet umgerechnet zwei Euro, eine Füllung fünf und eine Wurzelkanalbehandlung 35 Euro. „Deshalb warten sie bis zum letzten Moment“, so Steltner. „Als Zahnarzt ist man daher fast ausschließlich mit dem Ziehen von Zähnen beschäftigt. Und das sogar bereits bei Kindern und Jugendlichen. Ihre Zähne sind teilweise bereits so zerstört, dass man nur noch ziehen kann.“

Hauptursache dafür ist, dass es keine Vorsorge gibt, sagt Steltner. Zahnbürste oder Zahnpasta hätten viele noch nie gesehen. Ein anderer Grund: Softdrinks sind eine Art Grundnahrungsmittel. „Sie sind viel billiger, Trinkwasser dagegen ist Luxus. Eineinhalb Liter Wasser kosten umgerechnet 1,50 Euro, eine Cola 75 Cent.“ Das Problem: „Die Getränke sind nicht nur süß, sie enthalten auch schädigende Säure, die die Zähne zerstört.“ Und die Werbung für die Zahnkiller ist laut Steltner überall und überdimensioniert präsent. Riesige Werbeplakate sind in den Orten, mitten auf dem Land, aufgestellt. Selbst die Ortsschilder sind in die Stellwände integriert. „Erschreckend“, sagt der 27-Jährige.

Den siebenwöchigen Einsatz in Tansania hat der Bremer selbst organisiert – und finanziert. Bereits seit dem Studium in Marburg hatte er den dringenden Wunsch, irgendwann zu einem solchen Hilfseinsatz in ein armes Land zu reisen. „Dorthin, wo die Menschen wirklich Hilfe benötigen und man als Arzt etwas ausrichten kann“, sagt er.

In diesem Frühjahr hat sich die Gelegenheit ergeben, bei einem beruflichen Wechsel von der Universitätsklinik in Marburg in eine Bremer Zahnarztpraxis. Steltners Chef in der Heimatstadt war begeistert von dem Einsatz seines neuen Angestellten, er selbst war bereits ehrenamtlich als Zahnarzt in Nicaragua tätig, sagt Steltner. Und spendete für den Einsatz in Tansania einen Satz Instrumente für die Behandlung. „Ich wollte nicht mit leeren Händen kommen und habe im Vorfeld versucht, bei Zahnärzten und Herstellern Instrumente, Medikamente und andere Hilfsgüter einzuwerben.“ Und anderem auch Mittel zur örtlichen Betäubung. Die stehen in der tansanischen Praxis kaum zur Verfügung. Für die Patienten bedeutet das eine echte Tortur, wenn Abszesse aufgeschnitten und Zähne gezogen werden müssen. „Zwar gibt es die Möglichkeit zu einer Vollnarkose im Operationsraum, allerdings haben andere chirurgische Eingriffe Vorrang“, sagt Steltner.

Behandelt wird nicht nur in der Praxis. Einmal in der Woche fahren die Zahnärzte in die Dörfer. Um all die zu versorgen, die nicht in das Krankenhaus kommen können. Auch, um Zahnbürsten zu verteilen und über Vorsorge aufzuklären. Aufwendigere und damit teurere Behandlungen können sich die meisten Menschen nicht leisten, für sie gibt es seit einigen Jahren einen Poor-Patients-Fund. Einen Fonds, aus dem die Behandlungskosten in solchen Fällen bezahlt werden können. „Eingerichtet hat ihn ein deutscher Chirurg, der fünf Jahre lang in Ndolage gearbeitet hat“, sagt Steltner. „Eine großartige Sache.“

Bei den sieben Wochen in dem tansanischen Krankenhaus soll es nicht bleiben. Der Bremer Zahnarzt plant, irgendwann entweder dorthin zurückzukehren oder zu einem Hilfseinsatz in ein anderes Land zu reisen. „Das kann ich all meinen Kollegen nur empfehlen, denn die Menschen in diesen Ländern brauchen wirklich unsere Hilfe. Und es verändert die Sichtweise auf unsere vermeintlichen Probleme hier. Das relativiert vieles.“

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