Flüchtlinge: Wenn der Zahnarzt nicht hilft

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irritationen über Lichtenauer Zahnarzt / Unterlassene Hilfeleistung oder Körperverletzung bei ungültiger Aufklärung der Patienten mit Sprachbarrieren

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Zahnschmerzen sind eine schlimme Sache, vor allem, wenn es keine schnelle Hilfe gibt. Diese Erfahrung machte jetzt ein 15-jähriger albanischer Flüchtling aus Herbram. Er ging in Begleitung von ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern als Schmerzfall zu einem Lichtenauer Zahnarzt. Hilfe bekam er dort nicht, aber einen Termin von der Arzthelferin – in 14 Tagen.

Das brachte die ehrenamtlichen Helfer, die die Flüchtlinge auf ihren Wegen begleiten – auch zu Arztterminen – in Rage. “Wir dringen da nicht durch, und die Patienten auch nicht”, sagt Heike Krömeke, die den 15-jährigen in Praxis begleitet hatte. Selbstverständlich hatte der junge Mann, der unter starken Schmerzen litt und bereits Schmerzmittel eingenommen hatte, auch eine Zusage der Kostenübernahme durch die Stadt Lichtenau in der Tasche.

Die Herbramerin kann nicht verstehen, dass eine Helferin darüber entscheidet, was ein Notfall ist und was nicht. “Das grenzt für mich an unterlassene Hilfeleistung”, fügt sie hinzu. Um den Flüchtlingen, die unter Zahnschmerzen leiden helfen zu können, weichen die ehrenamtlichen Helfer inzwischen häufiger auf Praxen in Atteln und im benachbarten Borchen aus, wo die Ärzte umgehend die Flüchtlinge behandelten. Allerdings belaste das die Helfer, sind doch Entfernungen und Zeitaufwand erheblich höher. “Viel einfacher wäre natürlich der Zahnarzt im Ort”, so Krömeke. Sie weist auch darauf hin, dass es in der betreffenden Lichtenauer Praxis bereits mehrfach zu Problemen bei der Behandlung von Flüchtlingen gekommen sei.

Mit diesen Vorwürfen haben wir den betroffenen Zahnarzt, Kai-Gerrit Muhlack, konfrontiert. Schriftlich hat er sich daraufhin gegenüber der NW geäußert. Für ihn liege die Problematik in mangelnden Sprachkenntnissen und sich daraus ableitenden möglichen strafrechtlichen Folgen für den Arzt, wenn er seine Patienten nicht ausreichend aufklären könne. Bei seiner Vorgehensweise stütze er sich auf Empfehlungen der Zahnärztekammer zur Behandlung von Flüchtlingen.

Muhlack hatte aufgrund der Problematik bereits vor einigen Wochen ein Gespräch mit Bürgermeister Josef Hartmann. Mehrsprachige Frage- und Patientenbögen habe er inzwischen der Stadt Lichtenau zukommen lassen. Sie würden auch im Sozialamt ausgegeben, so Hartmann. “Wir waren so verblieben, dass Behandlungen mit Dolmetscher oder sprachkundiger Person erfolgen”, erklärt der Arzt, doch anscheinend gäbe es keine sprachkundigen Personen. Bisher scheiterten Behandlungen an dem Mangel eines Notfalls, stattdessen lagen Erkrankungen vor, für deren Behandlung eine Aufklärung zwingend notwendig sei, erklärt der Arzt und betont, dass ohne verständliche Aufklärung die Einwilligung des Patienten ungültig sei.

Außerdem sei zwischen Aufklärung und Einwilligung, etwa bei Zahnentfernungen, eine Bedenkzeit von 24 bis 48 Stunden einzuhalten.

“Ohne ordnungsgemäße Aufklärung ist eine Einwilligung ungültig. Der Zahnarzt kann nicht gezwungen werden, sich durch eine aufschiebbare Behandlung dem Risiko auszusetzen, wegen fehlender Aufklärung belangt zu werden. Die unterlassene Hilfeleistung steht der möglichen Körperverletzung durch Behandlung ohne gültiger Aufklärung entgegen. Liegt bei vorhandener Sprachbarriere keine absolute Indikation vor, wird der Zahnarzt eine eingehende Behandlung grundsätzlich ablehnen müssen”, so Muhlack wörtlich.

Ein Notfall sei für den Mediziner eine wesentliche Verschlechterung des Zustandes wie eine nicht stillbare Blutung oder ein Abszess. Sofern in anderen Fällen Schmerzmittel vorhanden seien, gehe für ihn die Aufklärungspflicht vor.

Zum konkreten Fall erklärte Muhlack, dass ihn die Mitarbeiterin umgehend über die Terminvergabe in 14 Tagen informiert habe und dass dem Patienten Schmerzmittel zur Verfügung stünden. Die Terminvergabe sei einvernehmlich gewesen, und ein Notfall nicht ersichtlich. Ferner sei auf die Notwendigkeit eines Dolmetschers hingewiesen worden.

“Eine vorzeitige erneute Vorstellung zur Schmerzsprechstunde am folgenden Tag fand nicht statt, auch kein Telefonat”, so Muhlack. E-Mails der Betreuer habe er am nächsten Morgen beantwortet, um Irritationen auszuräumen.

In mehreren Fällen, so der Zahnarzt, habe es in den vergangenen Monaten während der Behandlung von Flüchtlingen medizinische Probleme gegeben, die eine Überweisung an Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen nötig gemacht hätten, um gesundheitliche Risiken auszuschließen

Zum Vorwurf einer latenten Fremdenfeindlichkeit erklärt Muhlack: “Vor meiner Niederlassung in eigener Praxis war mein Chef ein Zahnarzt türkischer Herkunft. Ich beziehe die Hälfte der zahntechnischen Arbeiten bei einem Zahntechniker mit türkischen Wurzeln, die andere Hälfte bei einem Labor deren Inhaber italienischer Herkunft sind.”

 

 

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